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Strukturelle Analogien zu heute und Stellvertreterkriege

Der Zweite Weltkrieg begann am 1. September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen. Doch seine Ursachen reichen tiefer. Politische und psychologische Nachwirkungen des Versailler Vertrags von 1919 als Folge des Ersten Weltkrieges beschnitten das Deutsche Reich nicht nur militärisch und territorial massiv, sondern in Artikel 231 des Vertrags auch explizit zur alleinigen Kriegsschuld am Ersten Weltkrieg verurteilt – eine Zuschreibung, die schon zur damaligen Zeit umstritten war und heute weitgehend als historisch überholt gilt.

Deutschland verlor infolge des Versailler Vertrags rund 13 % seines Staatsgebiets und etwa 10 % seiner Bevölkerung. Zusätzlich wurden Reparationen in Höhe von bis zu 132 Milliarden Goldmark auferlegt – eine ökonomische Hypothek, die maßgeblich zur politischen Destabilisierung der Weimarer Republik beitrug. Die Reichswehr durfte nur noch 100.000 Mann umfassen, schwere Waffen und eine Luftwaffe waren verboten – selbst kleinere Nachbarstaaten wie Polen und die Tschechoslowakei verfügten über größere Streitkräfte. Diese Maßnahmen wurden von großen Teilen der deutschen Bevölkerung als „Schmach von Versailles“ empfunden – ein Begriff, der zur Grundlage eines breiten, parteiübergreifenden Revisionswillens wurde. Die Entstehung des Nationalsozialismus fiel auf diesen fruchtbaren Boden. [1]

Im Zentrum der Eskalation zwischen Deutschland und Polen stand die sogenannte Danzig-Frage. Der Freistaat Danzig war 1919 unter Völkerbundsmandat gestellt und faktisch vom Deutschen Reich abgetrennt worden. Danzig selbst war mehrheitlich deutschsprachig, Polen erhielt jedoch die Kontrolle über den Zugang und eine Reihe wirtschaftlicher Sonderrechte. Deutschland forderte einen exterritorialen Korridor, um die Verbindung mit Ostpreußen zu sichern – Polen verweigerte dies unter Berufung auf seine territoriale Integrität.

Entscheidend war jedoch: Großbritannien und Frankreich hatten Polen im März 1939 eine Beistandszusage gegeben, die in der Praxis einer Blanko-Garantie gleichkam. Diese rückwirkend betrachtet folgenlose Zusage führte dazu, dass Polen keine diplomatische Kompromisslösung mit Deutschland mehr anstrebte – in der Erwartung, im Kriegsfall militärisch unterstützt zu werden. [2] Eine ähnlich kompromisslose Haltung gegenüber Russland legte die Ukraine vor Beginn des heutigen Ukrainekriegs an den Tag – mit Rückendeckung der NATO-Staaten.

Die These, Hitler habe den Krieg von Anfang an gewollt, greift zu kurz. Zwar ist sein aggressiver Revanchismus unbestritten, doch wäre dieser ohne das strukturelle Versagen der internationalen Diplomatie und ohne das Machtvakuum der Zwischenkriegszeit kaum zum Flächenbrand geworden. Der britische Premierminister Neville Chamberlain glaubte noch im Sommer 1939 an einen Frieden – ein tragischer Irrtum. Die Welt taumelte in einen Krieg, weil die geopolitischen Sicherungsmechanismen versagten – und weil nationale Ambitionen aufeinanderprallten, ohne Rücksicht auf langfristige Stabilität. Der Zweite Weltkrieg war deshalb nicht bloß der Feldzug eines Diktators – er war Resultat eines internationalen Systems, das auf Revisionismus und Machtausweitung statt auf Versöhnung und Kooperation gebaut war. Im Grunde genommen ging es im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg darum, welche Grossmächte bzw. Grossmacht-Koalitionen das Heartland kontrollieren.

Geopolitik statt Moral: Der polnische Sonderweg

Polen wird in der westlichen Geschichtsschreibung gern ausschließlich als Opfer des nationalsozialistischen Angriffskriegs dargestellt – was es zweifellos war. Doch diese Perspektive verdeckt, dass Polen in den Jahren vor 1939 keineswegs passiv oder rein defensiv agierte. Das Land verfolgte eigene Großmachtambitionen in Osteuropa – insbesondere gegenüber der damaligen Sowjetunion. [3]

Nach dem Ersten Weltkrieg griff Polen 1919 die im Bürgerkrieg geschwächte Sowjetunion an, um eine ukrainisch-polnisch dominierte Föderation (Międzymorze-Konföderation) unter Warschauer Führung zu etablieren. Der daraus resultierende Polnisch-Sowjetische Krieg (1919–1921) wurde zwar mit sowjetischem Rückschlag beendet, markierte jedoch den Beginn eines latenten Konflikts zwischen Polen und Russland – ein geopolitisches Erbe, das bis in die Gegenwart reicht.

Polen verfolgte 1939 eine harte Linie gegenüber Deutschland in der Danzig-Frage, weil es sich der militärischen Rückendeckung Großbritanniens und Frankreichs sicher wähnte. Diese „Blankovollmacht“ erwies sich jedoch als trügerisch: Im September 1939 wurde Polen vom Deutschen Reich überfallen – und nur zwei Wochen später auch von der Sowjetunion. Die versprochene militärische Hilfe der Westmächte blieb weitgehend aus. Faktisch hatte Polen auf Eskalation gesetzt – mit existenziellen Folgen. Die Beistandsgarantie des Westens war ein politisches Signal, aber kein militärischer Schutzschirm.

Spiegelbild zur Ukraine?

Die Parallelen zur heutigen Ukraine-Politik drängen sich auf. Auch hier wurde ein osteuropäischer Staat mit westlichen Sicherheitsgarantien und wirtschaftlicher und materieller Unterstützung ermutigt, eine harte Linie gegenüber einem übermächtigen Nachbarn zu verfolgen. Auch hier wurden eigene Interessen (Souveränität, Identität, machtpolitische und wirtschaftliche Interessen) mit geopolitischen Strategien des Westens überlagert – mit weitreichenden Konsequenzen.

Der russische Präsident Wladimir Putin hat mehrfach erklärt, dass die NATO-Expansion bis an die russischen Grenzen und die militärische Aufrüstung der Ukraine als existenzielle Bedrohung wahrgenommen würde. Die Situation erinnert in ihrer Dynamik fatal an die späten 1930er-Jahre: ein sicherheitspolitischer Hochseilakt mit ideologischer Rhetorik, handfesten geopolitischen Zielen und einem unterschätzten Eskalationspotenzial. [4]

Schon 1939 war die Appeasement-Politik gegenüber Deutschland gescheitert – nicht, weil sie verhandelte, sondern weil sie spät, naiv und vielmehr taktischer Natur war. Der Westen verwechselte politische Absichtsbekundungen mit militärischer Abschreckung. Die strategische Logik hinter der Beistandsgarantie an Polen war nicht Verteidigung Polens, sondern die Schwächung Deutschlands, das sich anschickte, die führende Wirtschafts- und Militärmacht in Europa zu werden. Genauso stellt sich heute die Frage: Geht es dem Westen um den Schutz der ukrainischen Demokratie – oder primär um die Schwächung Russlands als geopolitischer Rivale?

Auch 1939 wurde ein europäischer Krieg durch eine inkohärente Bündnislogik mitprovoziert – von Mächten, die ihn selbst nicht führen, aber den Preis auf Dritte abwälzen wollten.

Formeller Krieg, informelle Beteiligung

Der Krieg in der Ukraine wird offiziell als Verteidigungskrieg eines souveränen Staates gegen eine völkerrechtswidrige Invasion geführt. Doch die Art, wie dieser Krieg unterstützt, instrumentalisiert und rhetorisch gerahmt wird, deutet auf eine tiefere Dimension: Es handelt sich faktisch um einen Stellvertreterkrieg, in dem nicht nur ukrainische Interessen, sondern vor allem westliche Strategien gegen die Eindämmung Russland zur Geltung gebracht werden.

Seit 2014 – dem Jahr der Maidan-Revolution und der Krim-Annexion – wurde die Ukraine militärisch, geheimdienstlich und finanziell vom Westen ausgebaut. Die USA investierten laut offiziellen Angaben zwischen 2014 und 2021 rund 2,7 Milliarden US-Dollar in militärische Hilfe für Kiew – also schon viele Jahre vor Beginn der russischen Invasion. Nach Februar 2022 explodierte die Unterstützung, ergänzt durch massive Waffenlieferungen, Ausbildung ukrainischer Truppen und eine Medienkampagne ohne historischen Vergleich. Der Westen – insbesondere die NATO-Staaten – hat der Ukraine seitdem umfassende militärische Unterstützung zukommen lassen. Die Ausgaben westlicher Länder für Waffenlieferungen, Ausbildungen und logistische Hilfe belaufen sich mittlerweile auf mehr als 140 Milliarden US-Dollar. Die Vereinigten Staaten sind mit etwa 70 Milliarden USD weiterhin der größte Einzelgeber militärischer Hilfe. Allerdings haben die europäischen NATO-Mitglieder ihren Beitrag kontinuierlich erhöht und die USA im Jahr 2025 erstmals überholt. Bis April 2025 haben die europäischen NATO-Staaten rund 72 Milliarden Euro (etwa 78 Mrd. USD) an Militärhilfe geleistet. Insgesamt stammen über 99 % der militärischen Unterstützung für die Ukraine von NATO-Mitgliedern, wie die Allianz selbst betont. Allein im ersten Quartal 2025 flossen erneut über 20 Milliarden USD aus NATO-Ländern in militärische Hilfsmaßnahmen für die Ukraine. [5]

Gleichzeitig erklärten hochrangige US-Militärs offen, dass es ein strategisches Ziel sei, „Russland dauerhaft zu schwächen“. Henry Kissinger, keineswegs ein Freund Russlands, dafür umso weitwichtiger, warnte: „Die Ukraine darf nicht zu einem Brückenkopf des Westens gegen Russland werden.“ [6]

Russland wiederum sieht in der NATO-Erweiterung einen Bruch früherer Zusicherungen und interpretiert die Ukraine-Politik des Westens als Versuch, den Einfluss Moskaus in seinem geopolitischen Vorhof zu tilgen. Die geplante Integration der Ukraine in NATO-Strukturen, gemeinsame Militärmanöver und der wachsende westliche Einfluss auf die ukrainische Innenpolitik (einschließlich Verbot prorussischer Parteien, Abschaffung von Russisch als Amtssprache, Einflussnahme auf Medien, fragwürdigen Justizreformen) wurden in Moskau als gezielte Umzingelung gewertet.

So begegnen sich zwei Weltordnungsmodelle auf Kollisionskurs: der Westen, der auf globale Institutionen, Werteexport, offene Märkte und Militärpräsenz setzt gegen Russland (und China), die auf staatliche Souveränität, Einflusszonen, multipolare Machtverteilung und kulturelle Eigenständigkeit pochen.

Der Krieg in der Ukraine wird dadurch zur Projektionsfläche globaler Ordnungskämpfe – und zur Stellvertreterbühne einer systemischen Rivalität um die Kontrolle über das Heartland.

Stellvertreterkriege als historisches Muster

Seit dem Kalten Krieg haben die USA und ihre Verbündeten wiederholt auf Stellvertreterkriege (proxy wars) zurückgegriffen, um geopolitische Interessen durchzusetzen – ohne direkte militärische Konfrontation mit ihren Gegnern. Dabei unterstützen sie meist befreundete Regierungen oder Rebellengruppen mit Waffen, Ausbildung und Finanzierung, während rivalisierende Großmächte die Gegenseite stärken.

Ein klassisches Beispiel ist der Vietnamkrieg, in dem Nordvietnam von der Sowjetunion und China unterstützt wurde, während die USA massiv in Südvietnam intervenierten. Ähnlich verlief der Afghanistankrieg (1979–1989), als die USA über die CIA die Mudschaheddin im Kampf gegen sowjetische Truppen unterstützten. In Lateinamerika förderten die USA in den 1980er Jahren die Contras gegen die linksgerichtete Regierung Nicaraguas – teils verdeckt, wie die Iran-Contra-Affäre offenbarte. Auch in Angola unterstützten sie während des Bürgerkriegs die anti-kommunistische UNITA gegen die pro-sowjetische MPLA.

Nach dem Kalten Krieg blieben Stellvertreterkriege ein Mittel der indirekten Einflussnahme. Im Syrienkrieg etwa förderten westliche Staaten ausgewählte Rebellengruppen gegen das von Russland und Iran gestützte Assad-Regime. Im Jemenkrieg halfen die USA der von Saudi-Arabien geführten Koalition mit Waffen und Aufklärung gegen die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen.

Der derzeit bedeutendste und gefährlichste Stellvertreterkrieg ist der Ukrainekrieg, bei dem die NATO-Staaten die gegnerische Seite unterstützen – ohne direkte Kriegserklärung, aber mit massiver logistischer und militärischer Hilfe.  Der Ukrainekrieg ist deshalb auch nicht allein eine Verteidigung gegen eine Invasion – sondern Teil einer globalen, systemischen Konfrontation, die unterhalb der Schwelle direkter Konfrontation zwischen den Supermächten geführt wird.

Stellvertreterkrieg: Die Vorsitzende des US-Repräsentanten-hauses, Pelosi, hält gemeinsam mit US-Vizepräsidentin Harris eine ukrainische Flagge aus der umkämpften Stadt Bachmut hoch. Zuvor hatte der ukrainische Präsident Selenskyj eine Rede im Kongress abgehalten und ihnen die Flagge mit Unterschriften von ukrainischen Soldaten darauf übergeben.

In der Summe zeigt sich: Kriege entstehen selten aus dem Nichts. Sie sind das Ergebnis von Interessen, Bündnissen, Deutungsmustern – und historischen Kontinuitäten. Der Ukrainekrieg markiert keinen Bruch, sondern eine Wiederkehr geopolitischer Muster, in neuer Form, mit neuen Waffen, aber alten Logiken. Er ist kein Schwarz-Weiß-Konflikt – sondern ein globales Machtspiel, in dem moralische Narrative auf strategische Interessen treffen.


[1] „Was Versailles geschaffen hat, kann Versailles wieder zerstören.“, Adolf Hitler, 1923 (zitiert nach Ian Kershaw: Hitler, Bd. 1)
[2] Wie problematisch diese Dynamik war, erkannte auch der renommierte Historiker Richard Overy: „Polen verhandelte 1939 nicht mehr, es rechnete mit Krieg – gestützt auf Garantien, die sich als politische Illusion erwiesen.“, Richard Overy, The Origins of the Second World War, 2014
[3] Davies, Norman: God’s Playground: A History of Poland, Oxford University Press, 2005.
[4] Die Erweiterung der NATO wäre der verhängnisvollste Fehler amerikanischer Politik seit dem Kalten Krieg. Sie würde den Nationalismus in Russland schüren und die russische Außenpolitik militarisieren.“: zitiert nach New York Times, 5. Februar 1998, Kennan, George F.: „A Fateful Error“.
[5] Kiel Institut für Weltwirtschaft – Ukraine Support Tracker: https://www.ifw-kiel.de/topics/war-against-ukraine/ukraine-support-tracker/
NATO – Official Support Statement: https://www.nato.int/cps/en/natohq/topics_192648.htm
US News: https://www.usnews.com/news/best-countries/articles/these-countries-have-committed-the-most-aid-to-ukraine
Business Insider (2025): https://www.businessinsider.com/european-countries-fill-gap-mostly-left-us-ukraine-aid-2025-6
Al Jazeera – NATO Aid Overview: https://www.aljazeera.com/news/2023/2/15/infographic-how-much-have-nato-members-spent-on-ukraine
Yahoo News: https://www.yahoo.com/news/nato-military-aid-ukraine-track-161923026.html
Congressional Research Service: U.S. Security Assistance to Ukraine, Updated November 2022.
[7] Kissinger, Henry: Rede beim World Economic Forum, Davos, 23. Mai 2022.

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